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Spicy Marmelade Radio Kultig • Witzig • FSK18
CONTAINER-ORGASMUS AUF RÄDERN
Spicy Marmelade News – weil vier Tage Isolation auch nur eine sehr lange, sehr enge, sehr deutsche Wichssession sind.
Billigheim, Baden-Württemberg. Ein 60-jähriger Pole hat sich vier Tage lang in einem Wohncontainer durchs Ländle kutschieren lassen – vom Cannstatter Wasen bis in den Neckar-Odenwald-Kreis. Achtzig Kilometer. Ohne GPS. Ohne Ausstieg. Mit Proviant, persönlichen Gegenständen und offenbar genug Selbstbeherrschung, um nicht sofort den Notruf zu wählen, sondern erst, als die Party vorbei war.
Die Polizei rätselt, wie er reingekommen ist. Wir nicht.
Der Mann ist zwischen letzter Kontrolle und Abtransport in den Container gestiegen. In Billigheim stand der Kasten dann oben auf einem zweiten Container – da kommt man nicht mehr rein, da kommt man nur noch raus, wenn man entweder stirbt oder endlich zugibt, dass man vier Tage lang in einer rollenden Blechkiste mit sich selbst verhandelt hat. Die Wände haben ihn „einigermaßen vor der Kälte geschützt“, sagt die Polizei. Was sie nicht sagt: Vor der Einsamkeit, der Langeweile und dem unausweichlichen Moment, in dem man merkt, dass der eigene Schwanz die einzige noch funktionierende Infrastruktur in diesem verdammten Container ist.
Er hatte Getränke. Lebensmittel. Persönliche Gegenstände.
Übersetzung: Er war vorbereitet. Nicht wie ein Verirrter. Wie jemand, der wusste, dass er eine Weile allein sein würde – und dass allein sein für manchen 60-Jährigen keine Katastrophe ist, sondern die letzte ehrliche Beziehung, die ihm noch geblieben ist.
Vier Tage.
Kein Handyempfang, der zählt. Kein „Schatz, ich bin gleich da“. Nur Blech, Vibrationen der Straße, das dumpfe Rattern über baden-württembergischen Asphalt und die Erkenntnis, dass der Wasen vorbei ist, das Volksfest vorbei ist, die Maßkrüge vorbei sind – und man selbst immer noch in der Kiste sitzt, in der irgendwann mal irgendwer irgendwas aufgebaut hat, das nach Bier, Schweiß und verpassten Chancen gerochen hat.
Wann ruft man den Notruf?
Nicht am ersten Tag. Da denkt man noch: „Vielleicht fährt das Ding noch irgendwo hin, wo es sich lohnt.“
Nicht am zweiten. Da hat man schon mit sich selbst verhandelt.
Am vierten Tag, wenn die Vorräte zur Neige gehen und man merkt, dass Selbstbefriedigung in einem Container zwar effizient, aber irgendwann auch nur noch Logistik ist.
Die Einsatzkräfte fanden ihn unverletzt. Natürlich. Wer vier Tage in einem geschlossenen Raum überlebt, ohne sich die Gurgel durchzubeißen, hat entweder eiserne Nerven oder einen sehr guten Umgang mit seinen Händen. Beides ist in dem Alter rar und deshalb beinahe schon erotisch.
Die Polizei ermittelt nicht strafrechtlich. Weil niemand ihn eingesperrt hat. Er hat sich selbst eingesperrt. Oder er wurde mitgenommen wie ein vergessenes Werkzeug, ein übrig gebliebener Bierdeckel, ein letzter, unbeachteter Schwanz auf dem Wasen, den niemand mehr abholen wollte.
Das ist die eigentliche Pointe:
Nicht der Mann im Container.
Sondern dass Baden-Württemberg ihn vier Tage lang durch die Gegend karrt, ohne dass irgendwer merkt, dass da jemand drin sitzt und wahrscheinlich die ganze Zeit leise stöhnt – vor Langeweile, vor Kälte, vor der schlichten, unsentimentalen Tatsache, dass er endlich mal in Ruhe mit sich allein war.
Er kam vorsichtshalber ins Krankenhaus.
Man prüft, ob er noch alle Sinne beisammen hat.
Die interessantere Frage wäre gewesen: Ob er nach vier Tagen in der Kiste überhaupt noch jemanden anderen braucht.
Spicy Marmelade sagt:
Manche Männer reisen mit dem ICE.
Manche mit dem Wohnmobil.
Und manche lassen sich einfach in einen Container stellen, fahren 80 Kilometer durchs Schwabenland und kommen raus wie nach einer sehr langen, sehr billigen, sehr ehrlichen Orgie mit sich selbst.
Der Wasen ist vorbei.
Der Container steht.
Der 60-Jährige hat überlebt.
Und irgendwo zwischen Stuttgart und Billigheim hat ein Mann vier Tage lang bewiesen, dass Isolation nicht immer Strafe ist.
Manchmal ist sie einfach nur die letzte ehrliche Nummer, die einem noch bleibt.
Written by: Toni Marroni